In welcher Welt möchtest du leben?

Ich bin Yogalehrerin und dreifache Mutter. Im Juli diesen Jahres habe ich eines Abends diesen Text verfasst. Heute passt er hierher.

So wie wir alle wurde ich mehrfach vom Leben geprüft. Meine beiden großen Kinder habe ich größtenteils alleine großgezogen, habe daneben gearbeitet und den Haushalt geführt. Abends war ich oft zu müde um vor Überforderung überhaupt noch weinen zu können.

Ich habe vor wenigen Jahren meinem Vater in seinen letzten Monaten begleitet, die ihm der Krebs noch gelassen hat. Ich habe seine  Hand gehalten, als er eines Tages spätabends seinen letzten Atemzug getan hat. Ich habe die ganze Nacht an seinem Bett gesessen und Totenwache gehalten bis die Bestattung ihn am nächsten Tag abgeholt hat. Ich habe erfahren, wie mich am Morgen danach zwei Hospizmitarbeiterinnen wie selbstverständlich in die Arme genommen und getröstet haben. Ich empfinde tiefe Dankbarkeit für diese Erfahrung.  

Mein drittes Kind kam mit Herzfehler und Trisomie 21 zur Welt. Ich habe dieses Kind erst Stunden nach der Geburt sehen können, ich habe seine Hand gehalten, als es auf der Intensivstation lag. Ich habe es im Alter von wenigen Monaten in die Hände fremder Menschen geben müssen, bangend ob es diesen Eingriff überleben wird. Ich habe mich gesorgt, habe geweint, mit dem Schicksal gehadert, geschrien und mich verausgabt, bis ich nicht mehr konnte. Ich habe gelernt, damit umzugehen, ein „behindertes“ Kind zu haben. Ich habe alle Ideale und Normen losgelassen und gelernt im Hier und Jetzt zu leben. Mit dem, was das Hier und Jetzt und der heutige Tag mit sich bringt. Ich habe gelernt, das Glück in kleinen Dingen zu sehen und zu finden. Ich bin bescheiden geworden, sehr bescheiden. Jetzt, da unser kleiner Sonnenschein eineinhalb Jahre alt ist, bin ich tatsächlich glücklicher als ich es je zuvor war. Ich bin mit einem behinderten Kind glücklicher als ich es davor war.

Aber ich bin nicht glücklich mit dem was in unsrer Welt gerade vor sich geht.

In den letzten Wochen und Monaten habe ich – wie wir alle – viel erlebt, gesehen, gehört und erfahren. Ich habe auf der Strasse Menschen gesehen, die entgegenkommenden Menschen wie panisch meterweit ausgewichen sind. Ich habe Menschen getroffen, die niemanden in ihr Haus oder ihre Wohnung gelassen haben, aus Angst, von den Nachbarn deswegen angezeigt zu werden.

Ich habe von Menschen gehört, die  die Polizei gerufen haben, weil draussen in der Siedlung Kinder mit andren Kindern spielen.

Ich habe von Menschen gehört, denen hohen Geldstrafen verhängt wurden, weil sie Freunde besuchen wollten.

Ich habe Menschen in Schutzanzügen gesehen, die vor Wohnungstüren stehen und Abstriche verlangen.

Ich habe Telefonate mitangehört, in denen nach Auskünften verlangt wird und bei Verweigerung mit Sanktionen gedroht wird.

Ich habe Menschen gesehen, die Kinder im Bus beschimpfen, weil keine Maske tragen.

Ich kenne Menschen, die andren Menschen, die andre Meinungen haben, die Freundschaft kündigen.

Ich habe mit Menschen gesprochen, die mir zur Vertuschung der Wahrheit vorsätzlich ins Gesicht lügen.

Ich habe von Menschen gehört, die durch das erzwungene Tragen von Masken bei Geburten schwer traumatisiert wurden.

Und von Menschen, die in Isolation alleine sterben mussten.

Es hat mich schockiert, es hat mich entsetzt, es hat mir die Sprache verschlagen, hat mich wütend und zornig gemacht. Es hat mir vor Hilflosigkeit die Tränen in die Augen getrieben, meine Ohnmacht hat mich rasend gemacht. 

Und es hat mir das Herz gebrochen. 

In so einer Welt will ich nicht leben. Ich will nicht in einer Welt regiert von Angst, Einschränkungen, Lügen und Manipulation leben, in einer Welt, in der Menschen aufeinander losgehen. Ich will nicht über mich und meinen Körper fremd bestimmt werden. Ich will mich nicht nur dann „frei und uneingeschränkt“ bewegen können, wenn ich die „Vorgaben“ befolge und erfülle.

Ich will in keiner Welt leben, in der Grundrechte und persönliche Freiheiten mit Füßen getreten werden. Ich will mich nicht kontrollieren, überwachen, manipulieren, vergiften, bestrahlen und verfolgen lassen.

Ich habe das Recht, nein zu sagen, wenn ich es will.

Ich habe das Recht, ja zu sagen, wenn ich es will.

Und finde mich in einer Zeit wieder, die mich an das erinnert, was ich vor vielen Jahren in der Schule gelernt habe. Damals haben wir die Köpfe geschüttelt, ungläubig und unfähig zu verstehen, wie es zu so etwas kommen konnte. Nie hätte ich gedacht, dass ich so eine Zeit einmal selbst erleben würde. 

Nun, es ist so. Ich kann jetzt wieder schreien, hadern, weinen und mich vor Zorn verausgaben. Das habe ich. Ein bisschen. Aber dann habe ich innegehalten. Und mich gefragt was ich eigentlich will. Und darauf habe ich mich konzentriert. Und darauf konzentriere ich mich jeden Tag. Ich habe gelernt, dass Gedanken die Wirklichkeit formen. Ich habe erfahren, dass es wahr ist. 

Ich weiß dass wir alle, die aus dieser Situation, aus dieser Lage rauswollen,  und auf dieser Welt so wie sie jetzt ist,  nicht leben möchten, etwas verändern können. Wir können mehr als wir uns zu erträumen wagen. Gemeinsam. Wir können da raus und wir kommen da raus. Wir können uns eine Welt schaffen, in der wir so leben können wie wir möchten. In der wir gerne leben und in der wir uns wohlfühlen. Aber wir müssen genau wissen, was für eine Welt das sein soll. Und wir müssen aktiv werden. Selbst. Jeder für sich. Wir können niemandem folgen, denn dieser Weg ist noch nicht beschritten worden. Das ist neues Terrain. Für uns alle. Ich übe mich in Vertrauen, dass es möglich ist. Dafür bin ich hierher gekommen. Wie wir alle.

Ich möchte in einer Welt leben, in der sich Menschen die Hand reichen können, wenn sie es möchten.

Ich möchte in einer Welt leben, in der man sich umarmen und berühren kann. 

Ich möchte in einer Welt leben, in der  Kinder sorglos miteinander spielen können, in der sie auf Spielplätzen toben und auf Wiesen laufen können.

Ich möchte in einer Welt leben, in der wir uns ehrlich begegnen können.

Ich möchte in einer Welt leben, in der jeder das beitragen kann, was er möchte und kann.

Ich möchte in einer Welt leben, in der sich Menschen mit Respekt und Achtung begegnen.

Ich möchte auf einer Erde leben, von der wir leben können, ohne sie ausbeuten zu müssen.

Ich möchte in einer Welt leben, in der wir unsren Ängsten und Problemen auf den Grund gehen und sie bearbeiten und lösen, statt sie zu verneinen und zu betäuben.

Ich möchte in einer Welt leben in der wir mit unsren Konflikten umgehen können.

Ich möchte in einer Welt leben in der erwachsene Menschen sich wie erwachsene Menschen benehmen. In der Kinder Kinder sein können. Und alte Menschen in Würde altern können und eine Bereicherung sind denn eine Last. 

Ich möchte in einer Welt leben in der uns bewusst ist, dass wir uns alle danach sehnen, geliebt und anerkannt zu werden. Und in der jeder geliebt, respektiert und anerkannt wird.

Ich möchte in einer Welt leben, die eine völlig neue Form der Gesellschaft hat. Ein völlig neues Miteinander. Ein bisher nie dagewesenes Verständnis für Gemeinschaft und Zusammenhalt.

IN WELCHER WELT MÖCHTEST DU LEBEN?

Graz, am Mittwoch, 29. Juli 2020

Welche Gedanken hast du zu dieser Welt? Schreib mir gerne unter k.neumeyer@gmx.at

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